9. Mai 2018

Wie ergeht es einem gebürtigen Hamburger, der elf berufliche Jahre im Ruhrgebiet verbracht hat? Die Antwort: er ist dem Land Nordrhein-Westfalen weiterhin so sehr verbunden, dass er nicht nur im Jahr 2014 spontan und ohne zu zögern der Bitte gefolgt ist, die Türen seiner jetzigen Wirkungsstätte in Berlin für die Westwind - Mitglieder zu öffnen, sondern sich aktuell ein zweites Mal dazu bereit erklärt hat.

Der Bühnenservice Berlin ist der größte Theaterdienstleister Deutschlands. Er verbindet handwerkliche Tradition mit modernen Fertigungsmethoden und erbringt Serviceleistungen rund um das Theater – vom Dekorationsbau über die Kostümerstellung bis zu Personalservice und Finanzbuchhaltung.

Dekorationsbau und Kostümerstellung – das waren die Themen, die die Teilnehmer in besonderem Maße interessierten. Neugierig geworden durch die Besuche der „Komischen Oper Berlin“, da im Verlaufe dieser Führungen der Bühnenservice Berlin häufig genannt wurde. Die Abteilung Dekorationsbau war Gegenstand der Führung im Jahr 2014 und nun erfüllte Geschäftsführer Rolf Suhl den Wunsch nach einer Führung durch die Kostümwerkstätten, die Hut- und Putzwerkstatt und die Schuhmacherei.

Ausführliche Informationen zur Historie des Standortes gaben Rolf Suhl und Herr Gawenda (Produktionsleiter Kostümwerkstatt) im Foyer des Bühnenservice.

Umfassende Auskünfte gab Herr Gawenda im Laufe der einstündigen Führung, die hier zusammengefasst kurz dargestellt werden:

Die Damen- und die Herrenschneiderei sind die beiden größten Abteilungen des Bühnenservice, über 4.000 Kostüme werden hier pro Jahr hergestellt, und jedes Stück ist ein Unikat. Zwar wird zum Teil auch in Serie produziert, wenn es etwa um Chorkostüme geht, aber auch diese sind letztlich Maßanfertigungen.

Die Anforderungen an die Damen- und Herrenmaßschneiderinnen in den Kostümwerkstätten des Bühnenservice sind mit denen, die in der Modeindustriegestellt werden, nicht unmittelbar vergleichbar. Es müssen z.B. spezielle Verschlusstechniken beherrscht werden, die einerseits hohe Stabilität bei wilden und akrobatischen Bewegungen auf der Bühne garantieren und andererseits den Darstellern Kostümwechsel in Sekundenschnelle ermöglichen.

Eine besondere Herausforderung sind die Anproben, da sie in den einzelnen Häusern erfolgen müssen. Dazu werden die Kostüme auf Rollständern per Lieferwagen in die Spielstätten verbracht, während die Gewandmeister öffentliche Verkehrsmittel nutzen.

Auf große Bewunderung stießen die in Arbeit befindlichen Kostüme

Und ins Erstaunen versetzten die vielfältigen Maschinen und Geräte, die in der Werkstatt eingesetzt werden.

In der Hut- und Putzwerkstatt sorgen Modistinnen, nach altem Sprachgebrauch „Putzmacherinnen“, für die sprichwörtliche Krönung eines Kostüms. Wie bei den Kostümen müssen auch die Mützen, Kappen, Hüte und sonstigen Kopfbedeckungen besonderen Anforderungen gerecht werden. Leichtigkeit und Strapazierfähigkeit stehen hier an erster Stelle, außerdem darf der Sänger nicht behindert werden – er muss gut hören und seine Stimme frei entfalten können.

Die Modistinnen verwenden, je nach Aufgabe, höchst unterschiedliche Materialien, darunter Filz, Stroh, Stoffe, Tüll, Spitzen, Schaumgummi, Pappe, Draht oder Bast. Neben den Kopfbedeckungen entstehen in der Hut- und Putzwerkstatt auch weitere Accessoires, mit denen sich ein Kostüm herausputzen lässt.

Für die Arbeit in der Schuhmacherei des Bühnenservice braucht es Fachkräfte, die auf die Herstellung von modischem wie historischem Schuhwerk spezialisiert sind und sämtliche Kniffe und Tricks des Handwerks kennen. Hier sind ausgebildete Schuhmacher, Stepperinnen und Orthopädieschuhmacher beschäftigt, die ihr Wissen auch als Ausbilder an den Nachwuchs weitergeben.

Schuhe, die auf der Theaterbühne zum Einsatz kommen, müssen anderen Belastungen standhalten als die Modelle für den täglichen Gebrauch auf der Straße: Ein »guter Stand« ist wichtig für den Gesang, und generell werden an Theaterschuhe hohe Ansprüche hinsichtlich ihrer Passform, Stabilität und Rutschfestigkeit gestellt.

Gisela und Robert Bornhäuser

Wir stammen gar nicht aus Nordrhein-Westfalen, aber uns gefällt’s beim Westwind, und die Veranstaltungen finden wir klasse!"