22. Februar 2018

Monika Bienert las Gedichte von Else Lasker-Schüler und Gottfried Benn, die mehr verband als nur literarische Freundschaft

„Schön und anstrengend“, möglicherweise aber streckenweise auch „ganz schön anstrengend“ könne dieser Abend werden, so stimmte Klaus Brückner, stellvertretender Westwind-Vorsitzender, ein auf eine Lesung, die am 22. Februar in der „Botschaft des Westens“, der Vertretung des Landes NRW beim Bund, stattfand. Die bekannte Schauspielerin Monika Bienert, musikalisch einfühlsam begleitet von Rebecca Lenton (Querflöte), rekapitulierte eine ebenso kurze wie intensive Beziehung, die Liaison zwischen Else Lasker-Schüler und Gottfried Benn, die sich 1912 kennenlernten. Nur wenige Monate dauerte diese Romanze, der die Literaturgeschichte eine Reihe wunderbarer Gedichte der beiden verdankt.

Else Lasker-Schüler (1869–1945), so Brückner, sei eigentlich ein „originäres Westwind-Mitglied“. Geboren nämlich wurde sie in Elberfeld, damals noch eine eigenständige Stadt. In der Innenstadt von Wuppertal-Elberfeld erinnert seit 1989 ein Denkmal des Künstlers Stephan Huber an die deutsch-jüdische Dichterin; es geht zurück auf eine Initiative von Heinrich Böll. Bereits mit vier Jahren konnte Else lesen und schreiben. In ihrer Familie galt sie als Wunderkind. Der frühe Tod ihrer Mutter – sie starb 1890 – bedeutete für die junge Poetin nichts weniger als „die Vertreibung aus dem Paradies“. Ein ähnlicher Schicksalsschlag traf Gottfried Benn, wie Monika Bienert in ihrem spannenden biographischen Abriss der ungleichen Wahlverwandten darlegte. Benn, sowohl Arzt als auch Dichter (1886–1956), verlor 1912 mit seiner Mutter die zentrale Bezugsfigur.

Im Umfeld des Expressionismus

Zwischen 1910 und 1912 kam er in Berlin in Tuchfühlung mit Dichtern und Publizisten, die dem Umfeld des Expressionismus zuzuordnen sind. Im Sommer 1912 dann begegnete er Else Laske-Schüler. Sie war 1894 nach Berlin gezogen, weil sie den dort lebenden Arzt Jonathan Berthold Lasker geheiratet hatte. Ihr erster Gedichtband, „Styx“, war 1901 erschienen. Die Ehe mit Lasker scheiterte ebenso wie jene mit dem Schriftsteller Georg Lewin, der sich damals unter dem Pseudonym Herwarth Walden als einer der wichtigsten Förderer der deutschen Avantgarde hervortat. Während der stets korrekt gekleidete Benn den Beinamen „preußischer Orpheus“ hatte, war die 17 Jahre ältere Else Lasker-Schüler, die in vielen ihrer Gedichte als „Prinz Jussuf von Theben“ auftaucht, ein veritabler Hippie. Sie hatte sich von allen bürgerlichen Bindungen gelöst, verachtete die Konventionen der Gesellschaft, schlug sich verarmt durchs Leben und war Stammgast im Café des Westens am Kurfürstendamm. „Ihr Wohnzimmer und ihre Bühne“, so Monika Bienert.

Tanz auf dem Vulkan

Die Schauspielerin ist nicht nur am Theater und im Fernsehen gefragt. Ihre Lesungen über Künstlerpaare in Berlin – unter ihnen Marlene Dietrich und Erich Maria Remarque, Tilla Durieux und Paul Cassirer oder Kurt Weill und Lotte Lenya – vergegenwärtigen das brodelnde Kunstleben der Hauptstadt im frühen 20. Jahrhundert. Ein Tanz auf dem Vulkan, bei dem Else Lasker-Schüler und Gottfried Benn für eine kurze Zeit gleichsam verschmolzen. Dichterische und erotische Anziehungskraft hielt sich dabei die Waage, wie Bienert plausibel machen konnte. Ihre Liebesgedichte veröffentlichten sie in der Zeitung. Eine öffentlich praktizierte Intimität, die an Facebook denken lässt. „Giselheer dem König“, so lautet der Titel eines Gedichts, das Else Lasker-Schüler dem Geliebten gewidmet hat. Die erste Strophe lautet: „Ich bin so allein / Fänd ich den Schatten / Eines süßen Herzens.“ Leidenschaft pur spricht aus der letzten Strophe: „Liebe dich so! / Du mich auch? / Sag es doch – – –“. Gottfried Benns Gefühlsüberschwang war nur von kurzer Dauer. Doch auch nach dem Ende ihres Liebesabenteuers riss die Verbindung zwischen den beiden nie ganz ab. 1945 starb Else Lasker-Schüler völlig verarmt in Jerusalem. Sieben Jahre später nannte Gottfried Benn sie „die größte Lyrikerin, die Deutschland je hatte“.

Sebastian Frevel

Geschäftsführer von Beust & Coll.

Durch das politische Berlin weht beizeiten ein rauer Wind. Etwas "Westwind" ist da - gerade für uns Nordrhein-Westfalen - eine fröhliche und willkommene Brise.