25. Januar 2018

Wenn er zwischen Skat oder Schach wählen soll, bevorzugt er Schach. Angesichts der Alternative Pils oder Alt greift er zum Pils. Vor die Frage gestellt, ob seine musikalischen Vorlieben eher Richtung Grönemeyer oder Biermann tendieren, entscheidet er sich für Wolf Biermann – und das als gebürtiger Bochumer! Norbert Lammert ist eben immer für eine Überraschung gut. Beim 5. Westwind-Neujahrsempfang, der am 25. Januar im Europasaal der „Botschaft des Westens“ stattfand, war der langjährige Bundestagspräsident Gast bei der Talkreihe „NRW – ganz persönlich“. Im Gespräch mit Klaus Brückner, dem stellvertretenden Westwind-Vorsitzenden, gab der CDU-Politiker erhellende „Einblicke in Erlebnisse, Erfahrungen, Erkenntnisse“; so lautete der Untertitel des Gesprächs.

Bevor Norbert Lammert, der schlagfertige Analytiker, dessen Formulierungen unnachahmlich ins Schwarze treffen, die zahlreich erschienenen Westwind-Mitglieder in seinen Bann zog, konnte Klaus Brückner in seiner Begrüßungsrede Erfreuliches mitteilen. Besonders angetan zeigte er sich davon, welch großes Interesse und welche Sympathie Dr. Mark Speich, der neue Leiter der NRW-Landesvertretung in Berlin, dem Verein entgegenbringt. Staatssekretär Speich, der dem Westwind-Vorstand kraft seines Amtes angehört, habe von Beginn an ein offenes Ohr für die Belange des Vereins gehabt. Klaus Brückner betonte die enge Zusammenarbeit und den freundschaftlichen Dialog mit der Landesvertretung. Und er dankte deren Mitarbeitern für ihr Engagement – ohne dieses Team, das vom Techniker bis zum Küchenchef reicht, wäre der Westwind aufgeschmissen.

Veranstaltungsformate stoßen auf regen Zuspruch

Derzeit, so konnte der stellvertretende Vorsitzende berichten, hat der Westwind 313 Mitglieder. Offenbar stoßen die sechs Veranstaltungsformate, die der Verein anbietet, auf regen Zuspruch. Der sich in diesem Jahr noch steigern dürfte, denn 2018 feiert der Westwind immerhin schon sein zehnjähriges Bestehen. Klaus Brückner versprach eine „tolle Party“, die im April über die Bühne gehen soll. Und er will sich nach Kräften dafür einsetzen, dass auch Ministerpräsident Armin Laschet an dieser Party teilnimmt.

Nachdem Klaus Brückner die restlichen Westwind-Vorstandmitglieder – Rita Brückner, Marie-Luise Meichsner, Norbert Neß, Jörg Restorff und Gabriele Weber – zu einem kurzen Statement über deren Aufgaben auf die Bühne gebeten hatte, konnte er dem Publikum noch eine brandneue Nachricht verkünden: Die Position des Westwind-Vorsitzenden, vakant seit dem überraschenden Rückzug von Erik Bettermann im vergangenen Jahr, kann voraussichtlich sehr bald wiederbesetzt werden. Leo Dautzenberg hat sich bereit erklärt, für das Amt zu kandidieren. Der Unternehmensberater, geboren 1950, Mitglied der CDU seit 1968, kann auf eine lange erfolgreiche Karriere als Politiker zurückblicken. Sollte er bei der nächsten Mitgliederversammlung gewählt werden, dürfte Dautzenberg das ideale ‚Aushängeschild‘ des Vereins sein.

Heinrich Heine und der Westwind

Mark Speich, bei der Begrüßung mit reichlich Vorschusslorbeeren bedacht, bewies in seiner kurzen Begrüßungsansprache, dass dieses Lob nicht von ungefähr kommt. Der gebürtige Bonner stellte sein Licht unter den Scheffel und würdigte lieber die Leistung der Westwind-Ehrenamtlichen. „Wir alle stehen in der Schuld dieses Vorstandes“, so Speich. Überraschend für manche: Der Historiker entpuppte sich an diesem Abend als Heine-Kenner. Dessen Hauptstadt-Schmähgedicht „Verlass Berlin“ sollten Westwind-Mitglieder natürlich nicht beim Wort nehmen. Zudem rezitierte er Heines wehmütige Zeilen „In der Ferne“: „Denkst du der Heimat, die so ferne, / So nebelferne dir verschwand? / Gestehe mir's, du wärest gerne / Manchmal im teuren Vaterland.“ Und kommentierte die Zeilen mit den Worten: „So kann nur ein Rheinländer denken, der in Paris ohne Westwind lebt“ – Mark Speichs unorthodoxe Gedichtinterpretation sorgte für Heiterkeit im Publikum.

Legendär zu Lebzeiten

Nach einem Intermezzo des Duos „Zuzweit“, das den Abend musikalisch auflockerte, nahm Norbert Lammert Platz auf dem Podest.

Über den schon jetzt legendären Bundestagspräsidenten muss man eigentlich keine großen Worte verlieren. Dass der Vollblutpolitiker, der am 1. Januar den Vorsitz der Konrad-Adenauer-Stiftung übernommen hat, über einen ungemein weiten Horizont verfügt, erhellt sich allein aus der Tatsache, dass er vom Deutschen Brauer-Bund zum „Botschafter des deutschen Bieres“ ernannt worden ist, während der Deutsche Kulturrat ihm erst kürzlich seinen renommierten „Kulturgroschen“ verlieh. Im Gespräch mit Klaus Brückner bestätigte sich der Eindruck, dass Lammert zu den klügsten Köpfen der Republik gehört. Wohltuend unprätentiös ließ er einige Stationen seiner Laufbahn Revue passieren – vom Studium an der Ruhr-Universität Bochum, dem Abschluss als Diplom-Sozialwissenschaftler und dem Eintritt in die Politik (1964 schloss er sich der Jungen Union an, 1966 wurde er Mitglied der CDU) über die verschiedenen Ämter, die er in Nordrhein-Westfalen und im Bund ausgeübt hat, bis zu seinem jüngsten Engagement bei der Adenauer-Stiftung.

Eigentlich wollte er Fußballer werden. Aber da seien „die Auswahlkriterien doch sehr hart gewesen“. Gut für Deutschland, dass der junge Norbert Lammert sich der Politik zuwandte. Die Leidenschaft für den Fußball hat er sich bewahrt. Doch im Verlauf des Abends beklagte der Anhänger des VFL Bochum die gnadenlose Kommerzialisierung dieser Sportart. „Kurzbehoste Millionäre“ hätten mittlerweile Narrenfreiheit. Zustimmung im Saal. Lautes Lachen gar, als Lammert eine Anekdote zum Besten gab, die ein Licht auf sein nicht immer spannungsfreies Verhältnis zu Helmut Kohl wirft. Lammert, fand Kohl (dem der Gescholtene als Parlamentarischer Staatssekretär beziehungsweise Staatsminister in drei Kabinetten diente), hätte doch auch an der Universität bleiben können. „Das wäre besser gewesen“, so Kohl. Darauf Lammert: „Vielleicht besser, aber nicht schöner“.

Die ebenso spannende wie komplexe Diskussion streifte viele Aspekte, die jedem unter den Nägeln brennen müssen, der sich für Politik und Gesellschaft interessiert. Es ging um die Veränderung des Parteiensystems, um das Erstarken der Bürger-Initiativen, verursacht durch zunehmende Partikularinteressen, was im Gegenzug zu einer Schwächung der Volksparteien geführt hat. Und es ging um das hartnäckige Vorurteil, die Bundestagsabgeordneten würden ihre Pflichten vernachlässigen, weil es im Plenum oft so leer ist. Ein Zahn, den Lammert prompt zog: Ursache für den partiellen Leerstand sei, dass die meisten Abgeordneten zur gleichen Zeit an ihrem Schreibtisch säßen oder in Ausschüssen über ihre Spezialgebiete berieten: „Das Parlament ist arbeitsteilig organisiert“, erläuterte Lammert. Nur in Diktaturen herrsche bei sämtlichen Plenarsitzungen Anwesenheitspflicht.

Kein Verständnis für Miesmacherei

Kein Verständnis auch für die weitverbreitete EU-Miesmacherei: „Bessere Verhältnisse als jetzt gab es in Europa nie“, konstatierte der leidenschaftliche Europäer. Vor den Schwächen der EU verschließt er deswegen nicht die Augen. Kritisch bewertet er auch manche Auswüchse der Digitalisierung: „Privates wird herausposaunt, und zugleich verlangt man vom Staat den Schutz der Privatsphäre“. Stichwort Internet: Wer die eigene Website des langjährigen „Zweiten Mannes im Staat“ aufruft, stößt dort auf ein trockenes Bonmot, wie es typisch für ihn ist: „Vielen Dank für Ihr Interesse – schließlich gibt es im Internet jede Menge anderer interessanter Leute“.

Zuletzt befragt nach dem vertrackten Prozess der aktuellen Regierungsbildung, rief Norbert Lammert in Erinnerung, dass dieser Marathonlauf nicht die Schuld der Politiker sei. Die Wähler – also wir alle – sind es schließlich, die durch ihr Verhalten an der Urne für die Schwächung der Volksparteien verantwortlich zeichnen, die dafür gesorgt haben, dass nunmehr sechs statt vier Fraktionen im Bundestag sitzen und einst klare Mehrheitsverhältnisse ihre Gültigkeit eingebüßt haben. Sollten CDU und SPD, beide bei der letzten Wahl massiv abgestraft, nun erneut gemeinsame Sache machen, so schließe sich eine Notgemeinschaft mangels Alternativen zusammen. Norbert Lammert fasste seine Sorge über eine nur mit knapper Zustimmung zustande kommende „GroKo“ nuanciert zusammen: „Die Auflösungsabsicht ist Teil der Gründungsurkunde“. Das saß!

Zum Abschluss sorgten rheinische und westfälische Spezialitäten aus der Gourmetküche der Landesvertretung für eine willkommene kulinarische Abrundung und den Rahmen für den persönlichen Austausch bis kurz vor Mitternacht.

Petra-Sabine Ullrich

Tätig für die CDH e.V. – Der Verband für Vertriebsprofis

Ich bin gerne im Verein Westwind. Es ist immer wieder schön, ab und an Heimatgefühle vermittelt zu bekommen und Kölsche Töne zu hören. Die regelmäßigen Stammtische sind stets eine Bereicherung. Schnell ist man in Kontakt mit sympathischen Menschen, die alle eines verbindet: die Liebe zu NRW.