28. April 2017

Eine Lesung mit viel Musik erlebten die mehr als 50 Gäste des Westwind e.V. am 28. April: Selbstverständlich war der Autor angereist, Prof. Martin Geck, um sein Buch "Die kürzeste Geschichte der Musik" vorzustellen. Aber zur Verstärkung hatte er zwei bewährte Freunde mitgebracht, Daniel Werner als Vorleser und Interviewer und den Saxophonisten Wim Wollner, der die vorgetragenen Texte mit Musikbeispielen illustrierte. Den Auftakt bildeten Textabschnitte aus dem ersten Kapitel: "Von der mythischen Macht der Musik und den Stimmen der Naturvölker".

Vor dem Auftritt: von links: Wim Wollner; dritter von links: Martin Geck, rechts: Daniel Werner
Die Gäste in der gut gefüllten WestLounge im Souterrain der „Botschaft des Westens”

Welche Bedeutung hatte - und hat? - Musik für Naturvölker bis heute. Die "Kürzeste Geschichte" notiert: "Ein Naturvolk, von dem sich zumindest kleine Gruppen bis heute erhalten haben, ist der westafrikanische Stamm der Dan. Dort bekam der deutsche Ethnologe Hans Himmelheber vor ein paar Jahrzehnten zu hören: 'Die Musik ist sehr wichtig für uns. Ohne sie würden wir uns einfach hinsetzen und sterben'."

Für die alten Kulturen sei Musik ein unverzichtbarer Kraftstoff, sie gebe den Dan die Kraft für die schwere Arbeit des Buschrodens und lasse sie ihre Existenz als sinnvoll erleben.

Über die Kraft der Musik berichtet auch die Bibel mit der Erzählung über die Posaunen, mit denen die gewaltigen Mauern der Stadt Jericho zum Einsturz gebracht werden konnten. Viel friedlicher waren Singwettstreite in Ostgrönland, in denen die gegnerische Partei nächtelang mit gesungenen Anschuldigungen und Schmähungen niedergerungen werden konnten.

Über Sprechtrommeln wird berichtet, die der Nachrichtenübermittlung dienten, über die Nutzung des eigenen Körpers als Rhythmusinstrument. In einigen Kulturen gab es Berufssänger. Aber einen abstrakten Begriff von "Musik" kannten die Urvölker nicht.

In seinem Buch schreibt Prof. Geck : "Doch zugleich habe ich größten Respekt vor den Naturvölkern. Während wir weiter in der Technik sind, waren s i e näher an der Musik; diese erschien ihnen so notwendig wie die Luft zum Atlmen und so direkt wie eine zärtliche Berührung oder ein heftiger Schlag."

Über die Instrumentalmusik im Mittelalter führten die ausgewählten Kapitel bis zu den zeitgenössischen Formen der Musik - die mit ihrer Emotionalität an die Ursprünge des Musizierens zurückführten. Das Gelesene wurde immer wieder durch Anmerkungen von Prof. Geck kommentiert, angeregt durch Fragen, die Daniel Werner ihm servierte. Im Kapitel zur Musik des 20. Jahrhunderts merkt Geck an: "Ich versuche nur zu erläutern, warum auch ein Bach-, Mozart-, Beethoven- oder Wagner-Spezialist dem eigenen Jahrhundert näher steht als den fernen Heroen, mit denen er nur geistig kommunizieren kann." Und ergänzt wenig später:

"Ob sie nun Schönberg, Strauss, Schostakowitsch oder anders heißen - ihre Musik hat dazu beigetragen, dass mir aus den Lüften meines Jahrhunderts noch etwas anderes als Kriegsgeschrei, Fortschrittsgetöse oder schickes Blabla entgegenkam: nämlich die Stimmen von Künstlern, die ich als liebend, sehnsüchtig, hoffnungsfroh, gläubig, ungläubig, zärtlich, wild, kämpferisch, verletzt, verbittert, sarkastisch, spöttisch, widersprüchlich, beleidigt, neugierig, verspielt, experimentierfreudig erlebte - wie mich selbst."

Den Ausklang gestaltete Wim Wollner mit seinem Saxophon. Mit Jazzvariationen illustrierte er sehnsüchtig neugierig und experimentierfreudig ein Fazit des Abends, welches die Gäste vergnügt nach Hause entließ.

Tim Arnold

The Boston-Consulting Group, Köln; 2006 – 2010 Leiter der NRW-Vertretung in Berlin, zählte zum Gründungsteam des Westwind e.V.!

Meine Westwind-Mitgliedschaft ist Ehrensache: Wir Nordrhein-Westfalen in Berlin halten zusammen.